Ein verschneites Dorf mit Heuharfen am Bohinjer See, in einer warmen Stube spinnen Mädchen an ihren Spinnrädern Durch das Fenster streckt sich ein langer Arm herein und stellt zwölf leere Spindeln auf den Tisch Eine große Frau in einem grauen Mantel und winzige Kinderlein mit einem Pflug kommen zum Boot am See Minka wickelt im Boot ein winziges Kindlein in ihr Wolltuch, der Vater rudert Der Vater und Minka schauen verwundert auf drei Goldstücke in seiner Hand Pehtra Baba lächelt durch das Fenster und bläst auf Lenkas Spinnrocken, Minka und Lenka freuen sich

Pehtra Baba

Ein Winterdorf unter dem Triglav · gelesen von Marie
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Am Abend vor dem Dreikönigstag kommt die geheimnisvolle Pehtra Baba, die slowenische Frau Perchta, in ein Dorf unter dem Triglav und schaut nach, ob die Mädchen allen Flachs gesponnen haben. Eine winterliche Volkssage von der fleißigen Minka und der übermütigen Lenka, aus dem slowenischen Original übersetzt.

Slowenische Volkssage · 12 Min. · gelesen von Marie

Pehtra Baba: der Text zum Lesen und Vorlesen

Slowenische Volkssage, frei nacherzählt.

Hoch oben in den Bergen, wo der Triglav mit seinen drei Köpfen auf den Bohinjer See hinabschaut, lag einst ein kleines Dorf. Im Winter deckte der Schnee es bis zu den Dächern zu, an den Heuharfen hingen Eiszapfen, und aus den Schornsteinen stieg Rauch in den kalten blauen Himmel. An den langen Winterabenden kamen die Frauen und Mädchen in den warmen Stuben an ihren Spinnrädern zusammen und spannen Flachs. Die Spinnräder schnurrten, die Spindeln drehten sich, und die Großmutter erzählte Geschichten.

Am liebsten erzählte sie von Pehtra Baba. „Pehtra Baba wohnt hoch oben in den Bergen, wohin kein Pfad führt“, sagte sie immer. „Sie ist groß und dürr, in einen grauen Mantel gehüllt, ihre Nase ist lang und krumm, und ein Fuß ist größer als der andere, breit wie ein Gänsefuß. Das ganze Jahr über sieht man sie nicht, nur ein einziges Mal kommt sie ins Tal herunter, am Abend vor dem Dreikönigstag. Dann geht sie von Haus zu Haus und schaut durch die Fenster. Sie sieht nach, ob die Mädchen allen Flachs gesponnen haben, ob die Kinder ihr Abendessen aufgegessen haben und ob die Leute ihr eine Schüssel aufs Fensterbrett gestellt haben. Man sagt auch, dass sie im Winter mit ihrem kleinen Pflug die Felder unter dem Schnee pflügt, damit sie im Frühling besser tragen. Den Fleißigen tut sie nichts. Doch wehe dem, der sich über sie lustig macht.“

In diesem Dorf lebte Minka, die Tochter eines armen Fährmanns, der die Leute mit seinem Boot über den See brachte. Eine Mutter hatte sie nicht mehr, und darum ging sie abends zum Spinnen auf den großen Hof des reichen Kosmač. Dort spann sie zusammen mit Lenka, der Tochter des Bauern. Lenka war hübsch und fröhlich, aber die Faulheit hatte sie lieber als das Spinnrad. Während Minka fleißig spann, tanzte Lenka durch die Stube, lachte und sang, und an ihrem Spinnrocken hing immer noch der ganze Flachs.

„Lenka, morgen ist der Abend vor dem Dreikönigstag“, mahnte die Großmutter. „Bis dahin muss der ganze Flachs gesponnen sein. Pehtra Baba mag es nicht, wenn an ihrem Abend noch jemand spinnt.“ Lenka lachte und ließ ihren Rock schwingen. „Pehtra Baba!“, sagte sie. „Die gibt es doch gar nicht. Und wenn es sie gibt, spinnt sie mir sowieso keine Hemden. Ich spinne, wann ich Lust dazu habe.“

Dann kam der Abend vor dem Dreikönigstag. Draußen war es still und blau vom Schnee, und am Himmel gingen die Sterne an. Die Bäuerin stellte eine Schüssel warmen Brei und einen Krug Milch für Pehtra Baba aufs Fensterbrett, und die Kinder aßen brav ihr Abendessen bis zum letzten Löffel. Minka hatte ihren Flachs schon längst gesponnen, doch sie blieb bei Lenka, weil sie sah, dass an deren Spinnrocken noch ein ganzer Berg Flachs hing.

Plötzlich klopfte jemand ans Fenster. Klopf, klopf, klopf. Die beiden Mädchen erstarrten. Das Fenster ging langsam von selbst auf, und ein kalter Wind blies in die Stube, dass die Kerze flackerte. Durch das Fenster streckte sich ein langer, dürrer Arm herein und stellte zwölf leere Spindeln auf den Tisch. „Bis Mitternacht sollen sie voll sein“, flüsterte eine Stimme, rau wie der Wind in den Fichten. „Wenn es Mitternacht schlägt, komme ich und hole sie.“ Das Fenster schloss sich, und der Arm war verschwunden.

Lenka wurde weiß wie die Wand. „Zwölf Spindeln!“, weinte sie. „Die schaffen wir nicht einmal in einer ganzen Woche!“ Minka überlegte einen Augenblick, dann lief sie auf den Dachboden und holte einen Haufen grobes Werg, das vom Flachs übrig geblieben war. „Schnell“, sagte sie, „wir wickeln das Werg auf die Spindeln und spinnen darüber eine dünne Schicht aus schönem Faden. Von außen sehen sie dann voll aus.“ Die Mädchen arbeiteten, so schnell sie nur konnten. Die Spinnräder schnurrten wie noch nie, und als die Uhr im Kirchturm Mitternacht schlug, standen zwölf volle Spindeln auf dem Tisch.

Das Fenster ging wieder auf. Der lange Arm nahm die Spindeln, eine nach der anderen, und wog sie in der Hand. Draußen schwieg jemand lange. Dann hörte man ein leises, raues Lachen. „Schlau seid ihr“, sagte die Stimme, „aber fleißig seid ihr auch. Für dieses Jahr lasse ich es gelten.“ Und das Fenster schloss sich.

Minka legte sich ihr Tuch um, zündete die Laterne an und machte sich am See entlang auf den Heimweg. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen, und der See lag schwarz und still da. Lenka aber konnte vor lauter Neugier nicht zu Hause bleiben. Sie zog ihr Pelzjäckchen an und schlich Minka auf Zehenspitzen hinterher. Als Minka ans Ufer kam, sah sie ihren Vater, der ganz bleich neben dem Boot stand. „Minka“, flüsterte er, „eben hat mich jemand gerufen, ich soll ihn auf die andere Seite bringen.“

Und wirklich trat aus der Dunkelheit eine große Frau in einem grauen Mantel. Hinter ihr kam eine ganze Schar winziger Kinderlein in weißen Hemdchen. Sie waren so klein, dass ihnen der Schnee bis an die Knie reichte, und gemeinsam zogen sie einen kleinen hölzernen Pflug.

Lenka, die sich hinter einer Heuharfe versteckte, sah sie und lachte laut los. „Schaut euch die an, was für ein komischer Umzug!“, rief sie. „Wie Ameisen, die ein Holzscheit schleppen!“ Die große Frau drehte sich langsam um. Ihre Augen leuchteten wie zwei Sterne. Sie blies zur Heuharfe hinüber und sagte: „Wer über meine Kinderlein lacht, dem sollen sich ein Jahr lang alle Fäden zu Knoten verwirren.“ Lenka erschrak und rannte nach Hause, so schnell ihre Beine sie trugen.

„Pehtra Baba“, hauchte Minka. Pehtra Baba sah sich nicht nach ihr um. Sie stieg ins Boot, und die Kinderlein zogen den Pflug hinter ihr her und drängten sich auf der Bank zusammen. Einige weinten leise, weil sie froren. Der Vater ruderte los. Minka setzte sich hinten ins Boot und sah, dass das kleinste Kindlein in seinem dünnen Hemdchen zitterte. Ohne ein Wort nahm sie ihr Wolltuch ab und wickelte es darin ein. Das Kindlein lächelte sie an und hörte auf zu weinen.

Am anderen Ufer des Sees zogen die Kinderlein den Pflug an Land, doch dabei brach ihm der Griff ab. Alle fingen gleichzeitig an zu weinen. „Hast du eine Axt?“, fragte Pehtra Baba den Fährmann. Der Vater reichte ihr die Axt, die er immer im Boot dabeihatte, und Pehtra Baba schlug damit so geschickt einen neuen Griff zurecht, als wäre sie ihr Leben lang Zimmerin gewesen. Rings um sie fielen Holzspäne in den Schnee. Als der Pflug wieder heil war, zeigte sie auf die Späne. „Nimm das als Lohn“, sagte sie zum Fährmann.

Der Vater brummte missmutig. „Späne! Was soll ich denn mit Spänen?“ Aber Minka zupfte ihn am Ärmel, und so hob er drei Späne auf und steckte sie in die Tasche. Pehtra Baba lächelte beinahe. Dann ging sie mit ihren Kinderlein auf den Wald unter dem Berg zu, wo es immer dichter schneite, und bald war sie nicht mehr zu sehen.

Als Minka und ihr Vater am Morgen aufwachten, griff der Vater in die Tasche und stutzte. Statt drei Holzspänen lagen drei glänzende Goldstücke in seiner Hand. Davon kaufte er ein neues Boot und eine Kuh, die so viel Milch gab, dass es sogar noch für die Nachbarn reichte. Und Minka musste nie mehr bei fremden Leuten spinnen gehen.

Lenka erging es unterdessen seltsam. Was immer sie zu spinnen anfing, verhedderte sich zu Knoten. Wenn sie Strümpfe stricken wollte, verknoteten sich die Fäden. Wenn sie eine Schürze nähen wollte, verwickelte sich das Garn zu einem Knäuel. Zuerst ärgerte sie sich, dann weinte sie, und schließlich ging sie zu Minka. „Was soll ich nur tun?“, fragte sie. Minka umarmte sie und sagte: „Hab Geduld. Und hilf, wo du kannst.“

Und Lenka hatte Geduld. Das ganze Jahr half sie im Stall und in der Küche, trug Holz für die Großmutter und passte auf ihre kleinen Brüder auf. Sie machte sich über niemanden mehr lustig, nicht einmal über die Katze, die sich im Wollknäuel verheddert hatte, und auch nicht über den Jungen, der in den Schnee gefallen war. Die Leute wunderten sich, wie freundlich sie geworden war. Jeden Abend saß sie neben Minka und sah zu, wie fleißig und ruhig sie spann, und nach und nach lernte sie, geduldig zu sein.

Als wieder der Abend vor dem Dreikönigstag kam, stellte Lenka selbst die größte Schüssel Brei aufs Fensterbrett und legte noch einen Laib Brot daneben, damit Pehtra Baba ihn unter ihren Kinderlein verteilen konnte. Dann setzte sie sich mit Minka ans Fenster, und beide warteten. Um Mitternacht klopfte es. Klopf, klopf, klopf. Das Fenster ging auf, und eine lange, krumme Nase schaute herein. „Pehtra Baba“, sagte Lenka leise, „verzeih mir, dass ich letztes Jahr über deine Kinderlein gelacht habe. Ich werde mich nie wieder über jemanden lustig machen.“

Pehtra Baba sah sie lange an. Dann lächelte sie, und diesmal war es ein richtiges Lächeln. „Letztes Jahr habe ich dir die Fäden verknotet“, sagte sie, „und dieses Jahr knote ich sie dir wieder auf.“ Sanft blies sie auf Lenkas Spinnrocken, und alle Knoten lösten sich, als hätte eine unsichtbare Hand sie aufgebunden. Das Spinnrad schnurrte los, und der Faden lief glatt und fein wie Spinnweben. Pehtra Baba nahm das Brot, nickte Minka freundlich zu und verschwand in der Nacht.

Seitdem stellen die Leute in den Dörfern unter dem Triglav am Abend vor dem Dreikönigstag noch immer eine Schüssel aufs Fensterbrett, die Mädchen spinnen ihren Flachs rechtzeitig, und die Kinder essen ihr Abendessen bis zum letzten Löffel. Und wenn ihr in dieser Nacht ein leises Klopf, klopf, klopf am Fenster hört, habt keine Angst. Das ist nur Pehtra Baba, die mit ihren Kinderlein vorbeigeht und nachschaut, ob zu Hause alle gesund und fleißig sind. Dann zieht sie weiter, um die Felder unter dem Schnee zu pflügen, damit sie im Frühling wieder in voller Blüte stehen.