Drei Brüder vor einer alten Mühle, der jüngste hält traurig einen rötlichen Kater im Arm Der Kater in Stiefeln und mit Hut liegt im Gras neben einem offenen Sack, und aus dem Gebüsch schaut ein Kaninchen hervor Der Kater winkt am Fluss, aus der königlichen Kutsche schauen der König und die Prinzessin, und ein junger Mann badet im Wasser Der Kater in Stiefeln hebt die Pfote und spricht ernst zu Bauern mit Sensen auf einer Wiese Der Kater in Stiefeln marschiert fröhlich die Straße entlang zum Schloss des Riesen, und hinter ihm kommt die Kutsche des Königs Der König, die Prinzessin und der Marquis sitzen an einer reich gedeckten Tafel im Schlossgarten, und der Kater in Stiefeln sitzt stolz auf einem hohen Stuhl und isst Torte

Der gestiefelte Kater

Das Erbe des Müllers · gelesen von Marie
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Für Eltern: In Perraults Original droht der Kater den Bauern, sie würden „so klein gehackt wie Fleisch für eine Pastete“. In der sanfteren Fassung droht er ihnen nur, dass es ihnen schlimm ergehen wird.

Der jüngste Sohn des Müllers erbt nur einen Kater, und der wünscht sich einen Sack und ein Paar Stiefel. Perraults schlaues und witziges Märchen, übersetzt aus dem französischen Original.

Charles Perrault · 10 Min. · gelesen von Marie

Der gestiefelte Kater: der Text zum Lesen und Vorlesen

Charles Perrault (1697). Aus dem französischen Original „Le Maître chat ou le Chat botté“ übersetzt.

Ein Müller hinterließ seinen drei Söhnen nichts als seine Mühle, seinen Esel und seinen Kater. Das Erbe war schnell geteilt, und weder der Notar noch der Anwalt wurden dazu gerufen. Die beiden hätten das ärmliche Erbe sonst nämlich bald ganz aufgebraucht. Der Älteste bekam die Mühle, der Zweite den Esel und der Jüngste nur den Kater.

Der Jüngste konnte sich gar nicht darüber trösten, dass er ein so armseliges Erbteil bekommen hatte. „Meine Brüder“, sagte er, „können sich ehrlich ihr Brot verdienen, wenn sie zusammenarbeiten. Ich aber muss verhungern, sobald ich meinen Kater aufgegessen und mir aus seinem Fell einen Muff für die Hände gemacht habe.“

Der Kater hatte alles mitgehört, ließ sich aber nichts anmerken. Ruhig und ernst sagte er: „Seid nicht traurig, mein Herr. Gebt mir nur einen Sack und lasst mir ein Paar Stiefel machen, damit ich durchs Gestrüpp laufen kann. Dann werdet Ihr sehen, dass Ihr beim Erben gar nicht so schlecht weggekommen seid, wie Ihr glaubt.“

Sein Herr gab nicht viel auf diese Worte. Aber er hatte schon so oft gesehen, wie geschickt der Kater Ratten und Mäuse fing. Mal ließ er sich an den Hinterpfoten kopfüber herunterhängen, mal versteckte er sich im Mehl und stellte sich tot. Darum gab er die Hoffnung nicht ganz auf, dass ihm der Kater aus seiner Not helfen würde.

Als der Kater bekommen hatte, worum er gebeten hatte, zog er sich stolz die Stiefel an. Er hängte sich den Sack um den Hals, nahm die Schnüre in seine beiden Vorderpfoten und ging in ein Wäldchen, in dem sehr viele Kaninchen lebten. In den Sack legte er Kleie und saftige Kräuter. Dann streckte er sich auf dem Boden aus, als wäre er tot, und wartete, bis irgendein junges Kaninchen, das die Listen dieser Welt noch nicht kannte, in den Sack kriechen würde, um zu fressen, was er hineingelegt hatte.

Kaum hatte er sich hingelegt, da hatte er auch schon Glück. Ein junges, leichtsinniges Kaninchen sprang in den Sack, und Meister Kater zog sofort die Schnüre zu, fing es und tötete es ohne Erbarmen.

Ganz stolz auf seine Beute ging er zum König und bat darum, mit ihm sprechen zu dürfen. Man führte ihn hinauf in die Gemächer des Königs. Dort verneigte er sich tief vor dem König und sagte: „Majestät, hier ist ein Wildkaninchen, das ich Euch im Namen meines Herrn, des Herrn Marquis von Carabas, überreichen soll.“ So hatte er nämlich beschlossen, seinen Herrn zu nennen. „Sag deinem Herrn“, antwortete der König, „dass ich ihm danke und dass er mir eine große Freude gemacht hat.“

Ein andermal versteckte sich der Kater in einem Kornfeld und hielt wieder seinen Sack offen. Als zwei Rebhühner hineingelaufen waren, zog er die Schnüre zu und fing alle beide. Dann brachte er sie dem König, genau wie vorher das Kaninchen. Der König nahm auch die beiden Rebhühner mit Freude an und ließ dem Kater ein Trinkgeld geben.

So brachte der Kater dem König zwei oder drei Monate lang immer wieder Wild von der Jagd seines Herrn. Eines Tages erfuhr er, dass der König mit seiner Tochter, der schönsten Prinzessin der Welt, eine Spazierfahrt am Ufer des Flusses machen wollte. Da sagte er zu seinem Herrn: „Wenn Ihr meinem Rat folgt, ist Euer Glück gemacht. Ihr müsst nur an der Stelle im Fluss baden, die ich Euch zeige, und alles andere überlasst Ihr mir.“

Der Marquis von Carabas tat, was ihm sein Kater riet, ohne zu wissen, wozu das gut sein sollte. Während er badete, kam gerade der König vorbei, und der Kater fing an, aus Leibeskräften zu schreien: „Hilfe, Hilfe! Der Herr Marquis von Carabas ertrinkt!“ Als der König den Schrei hörte, steckte er den Kopf aus dem Kutschenfenster. Er erkannte den Kater, der ihm schon so oft Wild gebracht hatte, und befahl seinen Wachen, dem Herrn Marquis von Carabas schnell zu Hilfe zu eilen.

Während man den armen Marquis aus dem Fluss zog, trat der Kater an die Kutsche heran. Er erzählte dem König, dass Diebe gekommen waren, während sein Herr badete, und seine Kleider mitgenommen hatten, obwohl er, so laut er konnte, „Haltet den Dieb!“ gerufen hatte. Dabei hatte der Schlingel die Kleider selbst unter einem großen Stein versteckt.

Der König befahl sofort seinen Dienern, eines seiner schönsten Gewänder für den Herrn Marquis von Carabas zu holen. Der König war überaus freundlich zu ihm. Die schönen Kleider, die man ihm gerade gegeben hatte, ließen den Marquis noch stattlicher aussehen, denn er war ein hübscher, gut gewachsener junger Mann. Darum gefiel er der Königstochter sehr. Kaum hatte er ihr zwei- oder dreimal einen sehr höflichen und ein wenig zärtlichen Blick zugeworfen, da verliebte sie sich bis über beide Ohren in ihn. Der König wollte, dass er zu ihm in die Kutsche stieg und die Spazierfahrt mitmachte.

Der Kater freute sich, dass sein Plan zu gelingen begann, und lief voraus. Bald traf er Bauern, die eine Wiese mähten, und sagte zu ihnen: „Ihr guten Leute, die ihr hier mäht! Wenn ihr dem König nicht sagt, dass die Wiese, die ihr mäht, dem Herrn Marquis von Carabas gehört, dann wird es euch allen schlimm ergehen!“

Der König vergaß natürlich nicht, die Mäher zu fragen, wem die Wiese gehörte, die sie da mähten. „Dem Herrn Marquis von Carabas“, sagten sie alle zusammen, denn die Drohung des Katers hatte ihnen Angst gemacht.

„Da habt Ihr ein schönes Erbe“, sagte der König zum Marquis von Carabas. „Wie Ihr seht, Majestät“, antwortete der Marquis, „ist es eine Wiese, die jedes Jahr eine reiche Ernte bringt.“

Meister Kater, der immer vorauslief, traf Schnitter, die das Korn schnitten, und sagte zu ihnen: „Ihr guten Leute, die ihr hier erntet! Wenn ihr nicht sagt, dass all dieses Korn dem Herrn Marquis von Carabas gehört, dann wird es euch allen schlimm ergehen!“ Der König kam einen Augenblick später vorbei und wollte wissen, wem all die Kornfelder gehörten, die er sah. „Dem Herrn Marquis von Carabas“, antworteten die Schnitter, und der König freute sich wieder mit dem Marquis darüber. Der Kater lief vor der Kutsche her und sagte allen, die er traf, immer dasselbe. Und der König staunte, wie reich der Herr Marquis von Carabas war.

Endlich kam Meister Kater zu einem schönen Schloss. Es gehörte einem Riesen, einem Menschenfresser, und zwar dem reichsten, den man je gesehen hatte, denn alle Ländereien, durch die der König gefahren war, gehörten zu diesem Schloss. Der Kater hatte sich vorher genau erkundigt, wer dieser Riese war und was er konnte. Er bat darum, mit ihm sprechen zu dürfen, und sagte, er habe nicht so nah an seinem Schloss vorbeigehen wollen, ohne ihn zu begrüßen und sich vor ihm zu verneigen. Der Riese empfing ihn so höflich, wie ein Menschenfresser das eben kann, und bat ihn, sich auszuruhen.

„Man hat mir erzählt“, sagte der Kater, „dass Ihr Euch in alle möglichen Tiere verwandeln könnt, zum Beispiel in einen Löwen oder in einen Elefanten.“ „Das stimmt“, antwortete der Riese barsch, „und damit Ihr es seht, werde ich jetzt zum Löwen.“ Der Kater erschrak so sehr, als er plötzlich einen Löwen vor sich sah, dass er sofort hinauf in die Dachrinne kletterte. Das ging nicht ohne Mühe und Gefahr, denn seine Stiefel taugten überhaupt nicht zum Laufen auf den Dachziegeln.

Nach einer Weile sah der Kater, dass der Riese wieder seine eigene Gestalt angenommen hatte. Da kletterte er herunter und gab zu, dass er große Angst gehabt hatte. „Man hat mir noch etwas erzählt“, sagte der Kater, „aber das kann ich wirklich nicht glauben. Ihr sollt auch die Gestalt der allerkleinsten Tiere annehmen können und Euch zum Beispiel in eine Ratte oder in eine Maus verwandeln. Ich gestehe Euch, das halte ich für ganz und gar unmöglich.“ „Unmöglich?“, rief der Riese. „Das werdet Ihr gleich sehen!“ Und im selben Augenblick verwandelte er sich in eine Maus, die über den Fußboden zu laufen begann. Kaum hatte der Kater sie erblickt, da stürzte er sich auf sie und fraß sie auf.

Inzwischen sah der König im Vorbeifahren das schöne Schloss des Riesen und wollte hineingehen. Der Kater hörte die Kutsche über die Zugbrücke rumpeln, lief ihr entgegen und sagte zum König: „Willkommen, Eure Majestät, im Schloss des Herrn Marquis von Carabas!“ „Wie, Herr Marquis“, rief der König, „dieses Schloss gehört auch Euch? Etwas Schöneres als diesen Hof und all die Gebäude ringsherum kann es gar nicht geben. Lasst uns bitte hineingehen und es von innen ansehen.“

Der Marquis reichte der jungen Prinzessin die Hand, und sie folgten dem König, der als Erster hinaufging. So kamen sie in einen großen Saal, in dem ein prächtiges Festmahl auf sie wartete. Der Riese hatte es für seine Freunde vorbereiten lassen, die ihn genau an diesem Tag besuchen wollten. Doch sie hatten sich nicht hineingetraut, als sie hörten, dass der König da war. Der König war entzückt von den guten Eigenschaften des Herrn Marquis von Carabas, genau wie seine Tochter, die ganz verliebt in ihn war. Und als er sah, wie reich der Marquis war, sagte er, nachdem er fünf oder sechs Gläser getrunken hatte: „Es liegt nur an Euch, Herr Marquis, ob Ihr mein Schwiegersohn werden wollt.“ Der Marquis verneigte sich tief und nahm die Ehre an, die ihm der König erwies. Noch am selben Tag heiratete er die Prinzessin. Der Kater aber wurde ein vornehmer Herr und jagte den Mäusen nur noch zum Vergnügen nach.