Der schnelle Hase lacht über die langsame Schildkröte, bis sie ihn zu einem Wettlauf herausfordert. Äsops Fabel über Fleiß und Ausdauer, frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Äsop · 4 Min. · gelesen von Marie
Der Hase und die Schildkröte: der Text zum Lesen und Vorlesen
Äsop (sechstes Jahrhundert vor Christus). Frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Am Rand einer großen Wiese wohnte ein Hase. Er war der schnellste Läufer weit und breit, und auf seine langen Ohren und seine kräftigen Hinterbeine war er mächtig stolz. Jeden Morgen flitzte er kreuz und quer über die Wiese, so schnell, dass hinter ihm nur noch das Gras wackelte. Auf derselben Wiese wohnte auch eine Schildkröte. Sie ging ganz langsam, Schritt für Schritt, und trug ihren harten, runden Panzer auf dem Rücken.
Eines Tages kam der Hase an ihr vorbeigesaust und blieb stehen. „Na, Schildkröte“, lachte er, „was hast du nur für kurze Beinchen! Ich bin der Schnellste auf der ganzen Wiese, und du kommst ja kaum vom Fleck.“ Die anderen Tiere kicherten. Doch die Schildkröte ließ sich nicht ärgern. „Mag sein, dass du schnell bist“, sagte sie ruhig, „aber bei einem Wettlauf würde ich dich trotzdem besiegen.“ Und so stritten die beiden hin und her, wer von ihnen der Schnellere sei.
Da musste der Hase so lachen, dass er sich im Gras kugelte. „Du? Mich? Bei einem Wettlauf?“, japste er. „Das will ich sehen! Abgemacht!“ Also verabredeten die beiden einen Tag und einen Ort. Sie wollten am großen Eichbaum losrennen, über die Wiese und durch das Wäldchen bis zur alten Mühle am Bach. Wer zuerst an der Mühle ankam, sollte den Siegespreis bekommen: einen Kranz aus Wiesenblumen.
Am Tag des Wettlaufs versammelten sich alle Tiere der Wiese am großen Eichbaum. Der Fuchs hob die Pfote und rief: „Auf die Plätze, fertig, los!“ Wie ein Pfeil schoss der Hase davon und war im Nu hinter dem ersten Busch verschwunden. Die Schildkröte aber machte sich langsam und tapfer auf den Weg. Ein Schritt, noch ein Schritt und noch einer. Sie schaute nicht nach links und nicht nach rechts, sondern immer nur geradeaus.
Schon bald war der Hase mitten auf der Wiese. Er schaute sich um, aber von der Schildkröte war weit und breit nichts zu sehen. „Ich bin doch sowieso viel schneller“, dachte er. „Die braucht bestimmt den ganzen Tag. Da kann ich mich ruhig ein bisschen ausruhen.“ Und er kümmerte sich nicht mehr um den Wettlauf. Am Wegrand stand ein schattiger Apfelbaum mit weichem Gras darunter. Dort legte sich der Hase hin, verschränkte die Pfoten unter dem Kopf und gähnte. Die Sonne wärmte so schön, die Hummeln summten, und bald war er fest eingeschlafen.
Die Schildkröte aber wusste genau, wie langsam sie war. Darum hörte sie keinen Augenblick auf zu laufen, auch wenn ihr die Beine wehtaten und es unter ihrem Panzer immer heißer wurde. Sie krabbelte an dem Apfelbaum vorbei, unter dem der Hase schnarchte, und weckte ihn nicht. Dann ging es weiter durch das Wäldchen, über die kleine Brücke und bis zur alten Mühle. Als sie am Ziel ankam, klatschten die Tiere vor Freude, und der Blumenkranz gehörte ihr. Müde, aber glücklich setzte sich die Schildkröte ins Gras, zog den Kopf in ihren Panzer und machte ein kleines Nickerchen.
Der Hase wachte erst auf, als die Sonne schon unterging. Erschrocken sprang er auf und rieb sich die Augen. „Der Wettlauf!“, rief er und rannte los, so schnell er nur konnte. Er sauste über die Wiese, durch das Wäldchen und über die Brücke, dass ihm die Ohren im Wind flatterten. Doch als er bei der Mühle ankam, sah er die Schildkröte mit ihrem Blumenkranz, die schon gemütlich am Ziel döste. Da blieb der Hase stehen und schämte sich so sehr, dass er nicht wusste, wohin er schauen sollte.
Von diesem Tag an lachte der Hase nie wieder über die kurzen Beine der Schildkröte. Er hatte gelernt, dass es nicht genügt, schnell zu sein, wenn man sich keine Mühe gibt. Denn wer fleißig immer weitermacht, gewinnt oft gegen einen, der von Natur aus begabt, aber nachlässig ist.





