Ein mächtiger Löwe lacht über eine winzige Maus, die ihm verspricht, ihm einmal etwas Gutes zu tun. Äsops Fabel darüber, dass auch die Kleinsten viel Gutes tun können, frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Äsop · 4 Min. · gelesen von Marie
Der Löwe und die Maus: der Text zum Lesen und Vorlesen
Äsop (sechstes Jahrhundert vor Christus). Frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Mitten in der weiten Savanne lag ein Löwe im Schatten eines großen Baumes und schlief. Er war mächtig und stark, seine goldene Mähne fiel ihm bis über die Schultern, und alle Tiere fürchteten sich vor ihm. Es war ein heißer, stiller Nachmittag, und der Löwe schnarchte so tief, dass das Gras um ihn herum zitterte.
Da kam eine kleine graue Maus angelaufen. Sie hatte es eilig, nach Hause zu kommen, und passte nicht auf, wohin sie lief. Sie huschte über den Schwanz des Löwen, rannte ihm den Rücken hinauf und zuletzt mitten über seine große Nase. Der Löwe nieste, schlug die Augen auf und packte die Maus blitzschnell mit seiner Tatze. „Wer wagt es, den König der Tiere zu stören?“, brüllte er so laut, dass die kleine Maus am ganzen Körper bebte. Dann riss er das Maul auf und wollte sie fressen.
„Bitte, bitte, lieber Löwe“, piepste die Maus, „lass mich los! Ich wollte dich nicht wecken, ganz bestimmt nicht. Wenn du mich am Leben lässt, werde ich dir dafür auch einmal etwas Gutes tun.“ Der Löwe sah sie verwundert an, und dann lachte er aus vollem Hals. „Du? Mir etwas Gutes tun? So eine winzige Maus, die mir kaum für einen einzigen Happen reichen würde?“ Er lachte so sehr, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. „Na gut“, sagte er, „du hast mich zum Lachen gebracht. Lauf!“ Er hob die Tatze, und die Maus flitzte davon ins Gras.
Nicht lange danach kam der Tag, an dem der Löwe selbst Hilfe brauchte. Eines Morgens kamen Jäger in die Savanne und spannten heimlich ein großes Netz aus dicken Seilen auf. Der Löwe ging seines Weges und ahnte nichts. Plötzlich schnappte das Netz zu und fing ihn. Die Jäger banden ihn mit starken Seilen an Pflöcken im Boden fest und gingen dann fort, um einen Wagen zu holen, mit dem sie ihn wegbringen wollten.
Der Löwe warf sich hin und her, aber je mehr er sich abmühte, desto fester zogen sich die Seile um ihn zusammen. Er stöhnte und brüllte so laut und kläglich, dass man es weit und breit hörte. Auch die Maus hörte es in ihrem kleinen Loch unter den Baumwurzeln, und sie erkannte die Stimme sofort. „Das ist mein Löwe!“, rief sie und rannte los, so schnell ihre Pfötchen sie trugen.
Als sie bei ihm ankam, sah sie, wie fest er gefesselt war. „Hab keine Angst“, sagte sie zu ihm, „jetzt helfe ich dir.“ Sie machte sich an das dickste Seil und begann, mit ihren kleinen, scharfen Zähnchen daran zu nagen. Sie nagte und nagte, Faser um Faser, bis das Seil nachgab. Dann nahm sie sich das zweite Seil vor und danach das dritte, bis der Löwe wieder ganz frei war.
Der Löwe stand auf, schüttelte sich und schaute die winzige Maus voller Staunen an. Die Maus aber lächelte. „Damals hast du mich ausgelacht, weil du nicht geglaubt hast, dass ich dir jemals etwas zurückgeben könnte“, sagte sie. „Jetzt aber weißt du, dass es auch bei uns Mäusen Dankbarkeit gibt.“ Der Löwe streichelte sie behutsam mit der Spitze seiner Tatze, und von diesem Tag an waren die beiden die besten Freunde.
Die Fabel zeigt: Wenn sich die Zeiten ändern, brauchen auch die Allermächtigsten einmal die Hilfe der Schwächeren.





